Oct-23-2009

Machida, Shogun und der Wunsch nach mehr als nur dem Titel

Von Jan Großöhmigen

Keine giftigen Kommentare in Interviews, keine spöttischen Bemerkungen bei Pressekonferenzen, keine Pöbeleien. Lyoto Machida und Mauricio „Shogun“



UFC 106 Official Event Program

Rua schätzen und respektieren sich. Während manche Athleten vor einem großen Kampf die erste Schlacht bereits mit Worten schlagen, lassen die beiden Brasilianer ihre sportlichen Erfolge und kämpferischen Fähigkeiten für sich sprechen. Auch ohne erbitterte Rivalität ist ihr Duell um die Halbschwergewichtskrone der UFC an diesem Samstag bei UFC 104 einer der am meisten erwarteten Kämpfe des Jahres.

„Unantastbar“ ist ein Begriff, der häufig benutzt wird, um Lyoto Machida zu beschreiben. Er ist in 15 Kämpfen ungeschlagen, besiegte unter anderem Rashad Evans, Tito Ortiz, Thiago Silva, Rich Franklin und BJ Penn. In der UFC hat er noch keine einzige Runde verloren, befand sich niemals in ernsthafter Gefahr und wird im Schnitt nur alle zweieinhalb Runden getroffen. Die Präzision seiner Schläge und seine eleganten Meidbewegungen gleichen denen seines Freundes Anderson Silva – oder umgekehrt.

Auch Mauricio „Shogun“ Rua wurde einst als „unantastbar“ angesehen. Vor vier Jahren gewann er den PRIDE Grand Prix in der 93kg-Klasse mit Siegen über Ricardo Arona, Alistair Overeem, Antonio Rogério Nogueira und Quinton „Rampage“ Jackson. Das machte ihn in den Augen der meisten Beobachter zum besten Halbschwergewicht der Welt, noch vor der UFC-Legende Chuck Liddell.

Machida und Rua haben beide den schwarzen Gürtel im brasilianischen Jiu-Jitsu, ihre Vorgehensweise im Stand ist allerdings grundverschieden. Der Champion vertraut voll und ganz auf sein Machida-Karate, das ihm bislang erlaubt hat, seine Gegner aus der Distanz mit präzisen Angriffen Stück für Stück zu zerlegen, ohne selbst getroffen zu werden. Der Herausforderer setzt hingegen auf aggressives Muay Thai mit vielseitigen Kicks und heftigen Kniestößen.

Shogun ist davon überzeugt, das „Rätsel Machida“ lösen zu können. „Ich denke, dass jeder Kämpfer bestimmte Schwächen hat, die man ausnutzen kann“, meint der 27-Jährige. „Genauso denke ich jedoch, dass jeder Kämpfer seine speziellen Fähigkeiten hat, die sehr effizient sind. Machida hat einen anderen Background als die meisten Kämpfer und er hat einen einzigartigen Kampfstil entwickelt, an die Leute nicht gewöhnt sind. Wenn man gegen einen Boxer oder Thaiboxer kämpft, kämpft man gegen etwas, das man sein ganzes Leben lang trainiert hat. Von Lyotos Stil kann man das nicht behaupten. Natürlich glauben wir, dass es Wege gibt, ihn zu besiegen. Aber er ist ein großartiger Kämpfer und verdient das Lob, das er bekommt. Und nur im Kampf wird sich zeigen, ob wir mit unseren Plänen richtig liegen oder nicht.“

Champion zu werden, war der leichte Teil, sagte Machida nach seinem Titelgewinn. Viel schwieriger werde es sein, den Gürtel zu verteidigen. Die letzten drei Halbschwergewichtschampions haben das nicht geschafft. Chuck Liddell gelangen noch vier Titelverteidigungen, ehe er gegen Rampage Jackson verlor. Der wiederum gab den Titel direkt an Forrest Griffin ab. Rashad Evans nahm sich den Titel von Griffin, wurde aber im Mai dieses Jahres von Machida besiegt.

„Man wird zur Zielscheibe, aber dafür trainiere ich“, sagt der amtierende Champion. „Ich will die Zielscheibe sein; ich mag die Herausforderung und trainiere sehr hart, um weiterzumachen.“

Einst als langweiliger, kühl berechnender Kämpfer verschrien, der nur auf Punktsiege aus ist, wandelte sich Machida bei seinen letzten Auftritten zum Publikumsliebling. Erst zwang er den hoch gehandelten Rameau Thierry Sokoudjou zur Aufgabe, dann dominierte er drei Runden lang den einstigen Champion Tito Ortiz. Der endgültige Durchbruch gelang ihm jedoch erst in diesem Jahr, als er die bis dato unbesiegten Thiago Silva und Rashad Evans KO schlug. Mit jedem spektakulären Sieg kamen mehr begeisterte Fans hinzu.

„Darüber bin ich sehr glücklich“, sagt der 31-Jährige. „Das Feedback von den Fans zeigt mir, dass ich einen guten Job mache. Aber es hat mich nicht überrascht. Ich wusste, dass das passieren würde, wenn ich mich mit jedem Kampf verbessere. Ich kämpfe, um die Fans zu erfreuen, und um mein Land, meinen Namen und meine Familie zu verteidigen. Der Respekt der Fans ist ihre Antwort auf meine gute Arbeit.“

Die Anerkennung durch die Fans musste sich Shogun nach seiner enttäuschen Niederlage gegen Forrest Griffin, die er vor zwei Jahren bei seinem UFC-Debüt erlitt, wieder hart erkämpfen. Damals hieß es, man hätte ihn überbewertet und er wäre weit entfernt davon, das beste Halbschwergewicht der Welt zu sein. Nach dem Kampf unterzog sich Rua einer Knieoperation. Kurz nach seiner Genesung verletzte er sich erneut am Knie und plötzlich fragte man sich nicht, wann, sondern ob er wieder ins Octagon zurückkehren würde.

Es war eine harte Zeit für Shogun, doch dem ehemaligen Mitglied von Chute Boxe gelang dieses Jahr ein passables Comeback. Nacheinander schlug er die Hall-of-Famer Mark Coleman und Chuck Liddell durch TKO. Morgen hat er die Chance auf seinen ersten Titelgewinn im MMA-Sport, aber Shogun will nichts überstürzen.

„Ich denke, dass ich jetzt ein Kämpfer mit viel mehr Erfahrung bin, denn im Verlauf unserer Karriere lernen wir immer dazu“, meinte Shogun. „Ich glaube auch, dass ich stärker werde und härter zuschlage, während ich älter werde. Es ist meine Pflicht, mich als Kämpfer zu verbessern und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Ich hoffe, weiter lernen zu können und die Fans mit besseren Leistungen zufrieden zu stellen. Ich habe noch viele Kämpfe vor mir, also werde ich hart arbeiten und immer besser werden. Der Titel würde mir viel bedeuten. Es ist mein Traum, ihn zu gewinnen, aber ich denke gerade nicht viel darüber nach. Machida ist der Champion und geht zu Recht als Favorit ins Rennen. Ich bin der Herausforderer und konzentriere mich nur auf Machida und darauf, ihn zu schlagen. Ich habe viel Respekt für ihn und die Bedeutung des UFC-Titels, also nehme ich die Sache sehr ernst und mache einen Schritt nach dem anderen.“

Egal, wer am Samstag das Octagon als Sieger verlässt, er wird ein großartiger Botschafter des MMA-Sports sein. Machida und Rua verkörpern all die guten Werte, die diesen Sport auszeichnen: Respekt, Fairness und die Bereitschaft, ständig zu lernen und sich immer weiterzuentwickeln. Die Weltmeisterschaft ist für sie nur ein kleiner Zwischenstopp.

„Mich motivieren andere Ziele im Leben“, erzählt Machida. „Der Titel war nur der Anfang meiner Karriere, ich muss noch gegen viele Leute kämpfen. Ich repräsentiere eine Gemeinde, eine tausendjährige Kunst und meine Familie. Und ich will sie weiterhin repräsentieren. Das ist mein Augenblick und ich will der Welt meine Techniken und meine Werte zeigen. Ich will meinen Namen in die Geschichtsbücher eintragen, ich will Rekorde brechen und Herausforderungen bewältigen. Wenn es keine Herausforderungen mehr gäbe, würde ich mit dem Kämpfen aufhören.“
 

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